Viele Freiberufler aus kreativen Bereichen klagen über mangelnde Zahlungsbereitschaft der Interessenten. Es fällt ihnen schwer, ihre Preise zu rechtfertigen und potentiellen Kunden verständlich zu machen, warum eine professionelle Dienstleistung mehr kostet als einen feuchten Händedruck.
Oft wird hier die allgemeine “Geiz ist geil”-Mentalität als Begründung ins Feld geführt, aber meines Erachtens ist das zu kurz gedacht.
Mehrere Faktoren, die sich zum Teil gegenseitig bedingen, führen dazu, dass die faire und angemessene Preisgestaltung in kreativen Berufen heute zunehmend schwerer wird.
Ein Logo ist doch schnell gemacht! – Die Gesamtleistung ist für den Laien schwer einzuschätzen
Kreative Arbeiten sind für viele Unternehmer wie ein Acker im Morgennebel. Der Entstehungsprozess für ein Logo, einen Text oder eine Website wirkt diffus und den meisten Laien ist nicht klar, was nötig ist, um zu einem professionellen, funktionierenden Endprodukt zu kommen.
Man sieht ein kleines Logo in Briefmarkengröße und fragt sich, wieso das mehr als 50€ kosten soll. Aber hinter jeder kreativen Leistung steckt ein Prozess, der je nach Anforderung und Erfahrung unterschiedlich viel Aufwand und Zeit braucht.
Bei individuellen Entwürfen macht allein die Ideenfindung schon einen Teil des Aufwands aus. Kreativität braucht Inspiration und den berühmten Musenkuss. Erfahrene Designer und Texter werden rasch einen Weg finden, die Anforderungen optimal umzusetzen, aber auch sie benötigen eine gewisse Zeit dafür.
Auch Recherchearbeiten fressen einen guten Anteil der Arbeitszeit. Schließlich muss sichergestellt werden, dass das Logo, der Text oder die Website dem Auftritt der Konkurrenz nicht zu ähnlich ist und damit Anlass für Abmahnungen gibt. Außerdem müssen fachliche Informationen und Hintergründe zur Branche und Zielgruppe eingeholt werden, um eine optimale Präsentation zu erreichen.
Schließlich erfolgt die technische Umsetzung mit z.T. sehr kostspieligen Grafikprogrammen.
Das Endprodukt sieht vielleicht nach ein paar Stunden Arbeit aus, der Dienstleister hat aber de facto mehrere Tage dran gesessen. All diese Arbeiten und Kosten müssen gedeckt sein, weshalb das Logo dann eben deutlich mehr kostet als 50€.
Mach’ ich selber – Webshop mit Baukasten, Logo mit Paint, Briefpapier mit Powerpoint
Die Möglichkeiten, sich auch als Laie kreativ am heimischen PC zu betätigen, sind heute so vielfältig wie nie zuvor.
Beinahe jeder Webhoster bietet in seinen Paketen Baukastensysteme, mit denen man eine Homepage schnell selber zusammenklicken kann.
Grafikprogramme gibt es in jedem Betriebssystem von Haus aus mitgeliefert. Zur Not tut es auch eine gecrackte Photoshop-Version aus dem Internet, was zwar illegal ist, aber viele dennoch nicht abhält.
Texte sind ohnehin ein Sonderfall, weil viele Unternehmer glauben, wer schreiben kann, kann auch texten (dass deutlich mehr dahinter steckt, lesen Sie hier).
Kurz und knapp: heutzutage wird suggeriert, dass es nicht nötig ist, sich für kreative Leistungen einen Profi mit an Bord zu holen – man kann es doch genauso gut selber machen. Verstärkt wird dieser Irrglaube durch die oben erwähnte Unkenntnis, was zu einem professionellen Produkt dazu gehört.
Erstellen Sie uns Entwürfe, wir bezahlen auch nix dafür – Pitching- und Auktionsplattformen
Einen weiteren Faktor stellen Auktionsplattformen wie myHammer dar, bei denen der Preis das alleinige Kriterium für die Erteilung eines Auftrages ist. Die Art und Weise, in der sich Dienstleister dort gegenseitig preislich unterbieten, lässt einen schwindelig werden und die Preise, für die dort Onlineshops mit individuellem Design und Einpflege von 100 Artikeln über den Tisch gehen, erzeugen bei Profis fassungsloses Kopfschütteln.
Beinahe noch schlimmer als myHammer sind Pitching- oder Ausschreibungsplattformen. Bekommt man bei myHammer wenigstens noch ein Taschengeld, arbeitet man bei Pitchings gleich ganz umsonst.
Das Prinzip ist einfach: ein Unternehmen X stellt in dem Portal einen Auftrag mit umfangreicher Beschreibung ein, Dutzende Bewerber reichen daraufhin Entwürfe ein, das Unternehmen entscheidet sich für einen Entwurf und nur dieser “Gewinner” erhält ein Entgelt. Alle anderen Designer gehen leer aus.
Stellen Sie sich ein solches Konzept mal mit Innenaustattern vor: Sie lassen jeden Innenausstatter ein Zimmer Ihres Hauses gestalten und der, dessen Zimmer Ihnen am besten gefällt, darf das ganze Haus ausstatten. Alle anderen Innenausstatter schicken Sie nach Hause. Niemand käme auf diese absurde Idee, aber bei kreativen Dienstleistungen wird dieses Vorgehen als ganz normal empfunden.
Wenn ich teurer werde, bekomme ich den Auftrag nicht – die Verzweiflung der Freelancer
Der Markt ist völlig übersättigt mit kreativen Dienstleistern, die Konkurrenz ist immens und es gibt sehr viele Designer, die aus purer finanzieller Not nach jedem Strohhalm greifen müssen und dann die finstersten Dumping-Angebote mitmachen.
Viele befürchten, einen Auftrag nicht zu bekommen, wenn sie angemessene (!) Preise verlangen, und lassen sich bis ins Bodenlose drücken. Was dann wieder zu der finanziellen Not führt, die sie dazu zwingt, für Niedrigstlöhne zu arbeiten. Da es bei diesen Kreativen häufig ums nackte Überleben geht, ist ihnen gar nicht bewusst, dass sie den Teufelskreislauf, der ihnen das Leben so schwer macht, genau dadurch nur noch mehr befeuern.
Und solange Designer für Niedrigstlöhne arbeiten, wird es immer Kunden geben, die sagen: “Wieso 800.- für ein Logo? Bei myhammer, Pitchwork (oder anderswo) kriege ich das für 50.-!”
Und jetze? – Wege aus dem Teufelskreis
Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung. Oft ist den Interessenten nicht klar, welches Problem hinter den oben genannten Faktoren steckt. Mitunter hilft ein klärendes Gespräch wahre Wunder, denn kaum ein vernünftiger, moralisch einigermaßen gefestigter Mensch möchte gerne als Ausbeuter dastehen, und es muss nicht zwangsläufig böse Absicht dahinterstecken, wenn jemand zunächst versucht zu sparen, was zu sparen geht. Oftmals mag es auch einfach Unkenntnis des Arbeitsaufwandes sein.
Ein Dienstleister sollte sich die Zeit nehmen, den Kunden zu beraten und ihm zu erklären, warum eine Dienstleistung soundso viel kostet. Eine kleine Rechnung, wieviel bei einem Logo für 50€ am Ende für den Dienstleister übrigbleibt, hat schon manches Auge geöffnet.
Auch die Gegenfrage, wie hoch eigentlich der Stundensatz des Anfragers ist, führt manchmal zu einem augenzwinkernden Sieg.
Solche ganz lebensnahen Rechenbeispiele bringen oft eher eine Einsicht bei Interessenten als moralinsaure Fingerübungen und empörte Zurechtweisungen.
Wenn beide Parteien einen kleinen Schritt tun, dann kann es am Ende nur Gewinner geben: der Kunde weiß, dass er von seinem Dienstleister immer 150% bekommt, und der Freelancer weiß, dass er für seine Arbeit die monetäre Wertschätzung erhält, die ihr zusteht.
Amen.

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Tom Ruthemann
29.07.2010 um 14:10
Genau so ist es leider – entsprechende Diskussionen zu dem Thema haben wir ja in diversen Xing-Foren auch schon ad nauseam geführt.
Ich habe letztens auch einen kleinen Text zum Thema verfasst, der diese Zeilen vielleicht ein wenig ergänzt: http://textblog.profi-news.de/index.php?/archives/39-Warum-man-mit-Werbetext-ganz-viel-Geld-sparen-kann.-Oder-BWL-fuer-Fortgeschrittene.html
Frank Schäfer
30.07.2010 um 09:49
Eine zeitlang habe ich mich auch fürchterlich über diese Entwicklung geärgert. Mittlerweile sehe ich die Sache aber doch sehr entspannt. Es gibt für jede Nachfrage auch jemanden, der diese befriedigt. Und genau diese Nachfrager werden niemals Kunden eines Dienstleisters, der Qualität liefert und den entsprechenden Preis dafür aufruft. Auch nicht, wenn man die Billigkonkurrenz (wie auch immer) verbieten würde. Dann fragen diese eben gar nicht nach. Letztlich würde sich nicht viel ändern.
Was bleibt ist eine etwas seltsame Unternehmenspolitik, die die eigene Außendarstellung falsch angeht. Aber in einem freien Land hat halt jeder Unternehmer das Recht auf widersinnige Entscheidungen.
Roland
30.07.2010 um 09:56
Leider immer noch Thema – es ist ja bei den verwandten Bereichen SEO/Text/Grafik nicht viel anders. Solange man das Produkt nicht anfasse kann, oder Preise als anerkannt gelten (Ärzte, Anwälte usw), ist das richtig schwierig. Die Hobby-Webdesigner und HTML-Coder aus der 10. Klasse machen das nicht besser.
ANFDEC » Kreative werden unterschätzt
01.08.2010 um 18:24
[...] der Website von “kein-chamelon.de” findet ihr denn Artikel, Viel Spaß beim [...]
Frau_Elise
02.08.2010 um 09:57
Hach, das kenne ich vom Texten her. Da wird manchmal auch um jeden Euro gefeilscht, bis weit unter die Schmerzgrenze. Und wenn man dann noch Pech hat, darf man noch ein paar Wochen auf den Zahlungseingang warten.
Auch immer wieder sehr beliebt: Die endgültige Freigabe vorher noch ein paar Wochen herauszögern, damit man keine Rechnung stellen kann….
Christian Brandenburg
17.08.2010 um 07:38
Der Artikel spricht mir aus der Seele…
Marc
24.08.2010 um 16:40
Mich freuen vor allem die allgemeinen Formulierungen – kreative Dienstleister sind ja sehr viele Menschen. Heute mache ich Webdesign.
Früher bin ich mit meinen Texten aufgetreten. Damals wie heute bin ich der Meinung, dass ich nichts unbezahlt machen möchte. Ist keiner bereit meine Kunst zu entlohnen, gibt es dafür keinen Markt. Dann kann ich etwas als Hobby weiter machen – oder es sein lassen.
In beidem habe ich mich aber als Profi etablieren wollen und es war mein Anspruch, für einen vorhanden Markt zu arbeiten (wobei ich jede Künstler schätze, der sein Ding macht – egal ob er dafür Anerkennung bekommt oder nicht).
Es war sehr schwierig die Forderung von 400,- Deutsche Mark für eine Lesung von eineinhalb Stunden durchzusetzen. (Ganz am Anfang kam mir das selber zu viel vor, bis ich merkte, dass man von anderen Gagen nicht leben kann).
So ein vorgetragener Text muss ja erst einmal verfasst sein – und ein Gedicht macht noch kein abendfüllendes Programm. Dann sollte er ein Vortrag, den man sich bezahlen lässt, so vorbereitet sein, dass er dem Publikum gefällt. Das heißt freier Vortrag (auswendig lernen), dazu allerhand organisatorische Arbeiten, wie Telefonate mit Veranstaltern und den Eigentümern der Örtlichkeiten, eventuell mit Partnern (Musikern, weiteren Vortragenden usw). Eine Steuererklärung u. ä. m. muss man natürlich auch abgeben, man hat Fahrtkosten (oft über hunderte von Kilometern), muss gelegentlich übernachten usw…
Diese 400,- DM waren kein leicht verdientes Geld – aber ständig musste man die Frage beantworten, wieso man für eineinhalb Stunden so viel Geld haben will…
Mein Fazit: wenn man seinen Preis begründen kann UND es einen Markt gibt, wird man auch angemessen bezahlt.
Natürlich kann es hilfreich sein, sich bei Gewerkschaften, Netzwerkern, Kollegen zu erkundigen und sich dann auch mal von einem Anwalt beraten zu lassen. Wenn die doch nur nicht so teuer wären…
Schlorenzo
29.08.2010 um 12:59
Das Problem ist hausgemacht: Wenne es keinen Anbieter gäbe, der für solche Preise arbeitet, gäbe es keine Kunden, die mit derartigen Preisforderungen an einen Anbieter herantreten.